Ich liebe Gottesdienste. Trotzdem ist es mir ein Herzensanliegen, vorerst darauf zu verzichten.

 

Gottesdienst fasten

 

 

 

Ich liebe Gottesdienst. Als Sohn einer Pfarrerin und eines Pfarrers bin ich mit Gottesdienst aufgewachsen. Das hat mir einen Vorrat in die Seele gelegt an Gebeten, Liedern, Predigten, Gemeinschaftserlebnissen. Ein Proviant, der mich auch stärkt beim Langstreckenlauf, den wir in der Corona-Krise zu bewältigen haben. Ich kann verstehen, dass viele sich nach den gewohnten Gottesdiensten sehnen. Ich tue es auch. Ich vermisse den heiligen Raum einer Kirche, den Klang der Orgel, den man im Körper spürt, den Blick in vertraute und unbekannte Gesichter beim Abendmahl im Kreis um den Altar.

 

Trotzdem ist es mein Herzensanliegen an unsere Kirche sowie an die Glaubensgeschwister anderer Kirchen und Religionen: Verzichten wir freiwillig vorerst auf Zusammenkünfte in unseren Gotteshäusern und auch unter freiem Himmel! Aus Freiheit. Zum Schutz und zum Wohl anderer.

 

Mit den vorsichtigen Öffnungen, die diese Woche in Kraft treten, gehen wir das Risiko ein, dass die Zahl der Infizierten, Erkrankten und Toten steigt. Die Lockerungen sind dem geschuldet, dass sonst viele wirtschaftlich zugrunde gehen. Es geht nach wie vor darum, die Infektionskurve flach zu halten. Andere sind weit mehr auf Öffnung angewiesen als die Religionsgemeinschaften. Sie leben davon, dass sie ihr Café oder ihren Laden betreiben können, dass sie Konzerte geben können und Aufträge von Kunden erhalten.

 

Ich lese den Einwand: »Autohäuser dürfen öffnen, Kirchen nicht!« Aber der Betrieb des Autohauses dient dem Broterwerb. »Der Mensch lebt doch nicht vom Brot allein«, lautet ein nächster Einwand. Aber eben auch vom Brot. Darum bitten wir im Vaterunser: »Unser tägliches Brot gib uns heute!« Die Bitte wird für viele immer existenzieller. Wenn wir Gläubigen jenen, die dringend auf Öffnung angewiesen sind, den Vortritt lassen und selbst vorerst auf Zusammenkünfte verzichten, helfen wir, die Gelegenheiten zur Ansteckung insgesamt zu verringern. Das gibt Zeit für die Versorgung der Erkrankten, für die Forschung nach Medikament und Impfstoff. Zusammenkünfte zu Gottesdiensten bedeuten ein Ansteckungsrisiko. Die Besucher können sich zwar mit Sicherheitsabstand in die Kirchenbänke setzen. Aber wenn sie in die Kirche hineingehen und danach wieder hinaus, muss die Pfarrerin, der Pfarrer den Aufpasser spielen.

 

Religionsfreiheit ist ein hohes Gut und steht im Grundgesetz. Freiheit bedeutet auch die Freiheit, auf ihre Ausübung zu verzichten. Christliche Freiheit ist »kommunikative Freiheit«, so der evangelische Theologe Wolfgang Huber. Sie denkt die Situation der anderen und der Gemeinschaft mit. Bewegungs- und Berufsfreiheit stehen ebenfalls im Grundgesetz. Wir Gläubigen würden auf der Ausübung unseres Grundrechtes bestehen, während andere auf ihre Freiheiten verzichten – die sie für ihre Existenzsicherung benötigen. Ich könnte einen solchen Gottesdienst nicht unbefangen mitfeiern.

 

Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist«, schrieb Dietrich Bonhoeffer. Das motiviert auch viele derjenigen, die für »Gottesdienst jetzt« eintreten. Sie wollen den gewohnten Gottesdienst, weil er Menschen stärkt. Das teile ich. Jedoch bin ich überzeugt: Wir dienen anderen derzeit mehr, wenn wir auf Zusammenkünfte verzichten und unsere spirituellen Alternativen leben.

 

Das ist keine »Selbstbanalisierung« oder »Selbstverzwergung« von Kirche, wie manche meinen. Wer aus Freiheit auf etwas verzichtet, hat innere Stärke. Jesus hat Grundversorgung und Heilung über das Gebot gestellt, den Feiertag zu heiligen (Markus 2; Lukas 13). Leben schützen ist Gottesdienst. Wenn Kirchen und Religionsgemeinschaften vorerst freiwillig auf Zusammenkünfte verzichteten, ich würde tausend Dankgottesdienste feiern. Von zu Hause aus, versteht sich.

 

Von Martin Vorländer


(veröffentlicht in: Ev. Sonntagszeitung, 23.04.2020)